Die Herrscherin

Diese Geschichte meiner Diva Mitzi.
(Hauskatze) habe ich geschrieben für eine Frau, die meine Katze noch nie gesehen hat, ihr widme ich deshalb diese kleine Kurzgeschichte, damit sie meine Chefin besser kennen lernt.

Bericht seiner flauschigen Hoheit, Katze Mitzi I.
(inoffizieller Titel: Herrscherin der Fensterbank)
Ich bin die königliche Gebieterin, von ungebildeten, bediensteten Zweibeinern auch „Hauskatze“ genannt.
Es ist schon ein hartes Los, das einzige vernunftbegabte Wesen in diesen vier Wänden zu sein. Als unangefochtene Regentin dieses Reiches (ca. 90 Quadratmeter, exklusive des verbotenen Kleiderschranks, den ich dennoch annektiert habe) trage ich die schwere Last, ein minderbemitteltes, zweibeiniges Wesen zu regieren.
Ich nenne ihn liebevoll den "Bediensteten“ oder den "Felllosen" und oft auch meinen "Dosenöffner". Seine Erziehung ist ein Lebenswerk, das mir täglich äußerste Geduld abverlangt.
Nun ein Einblick in meinen royalen Alltag und die Trainingsfortschritte meines humanoiden Untertans, meinen anstrengenden Alltag als Herrscherin und wie ich mein Personal – den felllosen Mitbewohner – erziehe und im Griff habe.

Das morgendliche Wecken:
Mein Tag beginnt meistens um 04:30 Uhr morgens. Warum? Weil ich es kann. Und weil der Boden in meinen Futternapf bedrohlich sichtbar ist.
Mein Bediensteter schläft tief und fest so was geht gar nicht. Unverschämtheit. Ich wende meine bewährten Erziehungs Taktiken in folgender Reihenfolge an.

Der sanfte Vibrations-Alarm:
Ich setze mich direkt auf sein Gesicht und schnurre mit 80 Dezibel. Das weckt jeden auf, nur ihn nicht immer, weil dieser ungebildete Felllose wohl wieder zuviel von seinem roten Lieblings Nektar aufgenommen hat. Dann eben die.

Die Pfoten-Akupunktur:
Wenn mein lautes Schnurren nicht hilft, knete ich seine Wangen – mit meinen scharfen leicht ausgefahrenen Krallen. Natürlich nur zur Stimulation seiner Durchblutung damit das Hirn schneller aktiv wird, versteht sich. Das hilft fast immer und der felllose spring hoch. Sollte das einmal nicht klappen hilft nur noch der Tigersprung.

 Der Schwerkraft-Test:
Ich springe mit einem gewaltigen Satz auf den Nachttisch und stoße die Lampe herunter. 
Ergebnis: Der Bedienstete springt kerzengerade aus dem Bett. Funktioniert immer. Er murmelt zwar unschöne Worte, aber mittlerweile schlafwandelt er recht zuverlässig in Richtung Küche. Ziel erreicht.

Das Gourmet-Drama:
Die Fütterung ist die größte Schwachstelle meines Angestellten. Die goldene Regel des Hauses scheint ihm auch unbekannt zu sein, dass Konzept von „frisch und richtig“ begreift er einfach nicht. Wenn er die Dose öffnet, tue ich so, als sei ich seit Wochen dem Hungertod nahe. Ich streiche ihn um und durch die Beine, um ihn fast zum Stolpern zu bringen (ein kleiner Balance-Test für ihn).
Die größte Herausforderung bleibt jedoch das Qualitätsmanagement. Präsentiert er mir das falsche Futter (Geflügel in Gelee statt Kaninchen in Soße), dann, sobald der Napf den Boden berührt, schnuppere ich kurz, schaue ihn voller Enttäuschung an und scharre symbolisch auf dem Fliesenboden, um diese Beleidigung von einer Mahlzeit virtuell zu vergraben um dann den Raum erhobenen Schwanzes zu verlassen. Er schaut dann immer sehr schuldbewusst drein. Zwei Stunden später fresse ich es dann heimlich, wenn er nicht hinsieht. Man muss die Hierarchie schließlich wahren. Es wird.

Das Logistikproblem:
​Ein fundamentales Missverständnis des Bediensteten ist der Glaube an Privatsphäre oder „geschlossene Türen“. Mein Verhältnis zu Türen ist kompliziert und in meinem Reich gibt es keine Grenzen. Eine geschlossene Tür ist ein persönlicher Affront gegen die Krone und meine Souveränität.

Drinnen oder Draußen:
Wenn ich an der Terrassentür kratze, erwarte ich, dass der Bedienstete sofort alles stehen und liegen lässt, um sie zu öffnen. Sobald die Tür offen ist, bleibe ich exakt auf der Schwelle stehen. Natürlich um den Untergebenen klar zu machen, das er sich nicht gleich wieder faul hinsetzen darf.

Ich muss schließlich auch prüfen, ob das Wetter meinen Ansprüchen genügt. Dass es dabei zieht oder regnet, ist nicht mein Problem. Ich gehe raus. Zehn Sekunden später stelle ich fest, dass es draußen doof ist. Ich kratze von außen. Er macht auf. Ich gehe rein. Ich schaue ihn an. Ich will wieder raus. Er seufzt. Ich liebe dieses Spiel.
Wenn er sich im sogenannten „Badezimmer“ einschließt, rüttele ich so lange panisch am Türspalt und jammere, bis er denkt, das Haus brennt ab. Öffnet er die Tür, gehe ich stolz hinein, schaue mich kurz um, stelle fest, dass alles langweilig ist, und gehe wieder. Er muss begreifen, dass ich nicht zwingend hinein will. Ich will nur die Option haben, hineinzugehen. Das Konzept der totalen Überwachung hat er inzwischen verinnerlicht. Wenn er duscht, sitze ich auf dem Klodeckel und starre ihn vorwurfsvoll an, um sicherzustellen, dass er diese seltsame Wasser-Folter überlebt. Man braucht ja sein Personal noch.

Die Erziehung meines Dieners:
Man muss den Zweibeiner konsequent erziehen, sonst verwildert er. Hier sind meine wichtigsten Erziehungsmaßnahmen:
Er arbeitet am Laptop und tippt wichtige E-Mails.
Ich lege mich quer über die Tastatur und schnurre, mein Hintern bedeckt fast den ganzen Laptop, er streichelt mich und redet sanft mit mir. Ich springe auf und laufe mit meine Pfoten über die Tastatur, nun geht nichts mehr.

Er kauft ein teures Kratzbrett und erwartet, dass ich es benutze.
Ich ignoriere das Brett und zerfetze den Karton, in dem es geliefert wurde. Ein Stuhlbein tut es auch.

Er will mich streicheln und krault meinen Bauch.
Nach exakt 5 Sekunden schnappe ich nach seiner Hand. Zuviel Nähe ist geschmacklos.

Er liest ein Buch, sein Fokus liegt auf den Seiten.
Ich setze mich direkt auf das Buch und schnurre so laut, dass die Vibrationen seine Netzhaut zum Zittern bringen.

Er beansprucht die Mitte des Bettes.
Ich mache mich quer in der Mitte lang. Er schläft nun eingerollt in Embryonalstellung am äußersten Rand. Ausgezeichnet. 

Fazit eines harten Arbeitstages:
​Nachdem ich den Tag damit verbracht habe, 8 Stunden an strategisch günstigen Orten (mitten im Laufweg, auf dem Stuhl, Sofa oder Sessel sowie auf der frisch gewaschenen Wäsche) zu schlafen, bin ich erschöpft.

​Wenn der Bedienstete abends auf dem Sofa sitzt, erweise ich ihm die Ehre: Ich setze mich auf seinen Schoß. Er darf sich nun für die nächsten drei Stunden nicht mehr bewegen, um mein Nickerchen nicht zu stören. Er schaut mich ganz verliebt an und flüstert, wie süß ich bin.

​Tja. Es ist eben nicht leicht, gutes Personal zu finden, aber meinen Kraul-Sklaven habe ich mittlerweile echt gut angelernt.

Es ist ein mühsamer Weg, aber ich sehe Fortschritte. Er öffnet die Balkontür auf Kommando, säubert mein Thron-Klo zweimal täglich und hat verstanden, dass der teure Sessel mein persönliches Eigentum ist. Ich würde sagen, zu 80 Prozent habe ich ihn stubenrein und gut erzogen.

Fazit:
Es könnte alles so perfekt sein. Die Sonne flutet das Fensterbrett in der Küche, die Vögel draußen fliegen in absolut fangbarer Nähe vorbei (wenn diese unsichtbare Glasscheibe nicht wäre), und der Dosenöffner hat das weiche Kissen genau in der perfekten Liegeposition platziert.
Doch mein royales Nickerchen-Imperium wird bedroht. Von ihm.
Er kam vor ca. drei Monaten. Der Dosenöffner schleppte ihn an, nannte ihn „eine pflegeleichte Pflanze“ und stellte ihn mitten in mein Revier auf die Fensterbank. Ich nenne ihn einfach nur: "Das stachelige Biest". Nun führe ich schon über drei Monate einen erbitterten Kampf  gegen einen grünen unbeweglichen Eindringling in mein Reich.

Der Zwischenfall am Vormittag:
Ich erwache aus meinem verdienten Vormittagsschlaf (ich war schließlich schon seit 4:30 Uhr morgens wach, um lautstark den Hungertod zu simulieren). Es ist Zeit für die tägliche Dehnungs Zeremonie. Ich strecke die Vorderpfoten aus, mache einen eleganten Katzenbuckel und...
ZACK.
„MAUUU-AUTSCH!“
​Verdammt noch mal! Schon wieder. Ein stechender Schmerz schießt in meine linke Hinterpfote. Ich fahre herum und funkle den Übeltäter an. Er bewegt sich nicht. Er hat keine Augen, keine Ohren, aber ich weiß ganz genau, dass er innerlich hämisch lacht. Seine grünen, dicken Arme strotzen nur so vor Nadeln. Er sieht aus wie eine Gurke, die in eine Schachtel Stecknadeln gefallen ist.

Die Rache:
Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich bin ein Raubtier. Meine Vorfahren haben Löwen das Fürchten gelehrt. Eine Königin wie ich lässt sich nicht von einem Gemüse schikanieren. Ich nehme also die Kampfhaltung ein. Die Ohren flach angelegt, die Pupillen groß wie Eurostücke, das Hinterteil wackelt synchronisiert zur Zielerfassung. Ich hole mit der rechten Pfote aus, um ihm den finalen Todesstoß vom Fensterbrett zu verpassen. Ein gezielter Hieb, wie ich ihn sonst bei wehrlosen Kaffeetassen anwende.

KLATSCH.
„FCK!“ (Also, auf Katzensprache: ein sehr tiefes, grollendes Fauchen).
​Ergebnis des Angriffs: Der Kaktus hat sich keinen Millimeter bewegt. In meinem Pfotenballen stecken dafür jetzt drei winzige, fiese Stacheln. Ich trete den taktischen Rückzug an und tue so, als wäre absolut nichts passiert. Erstmal ausgiebig die Pfote lecken, um die Würde wiederherzustellen. Der Dosenöffner schaut vom Sofa rüber und murmelt: „Mitzi, du bist so doof, warum gehst du auch immer wieder an den Kaktus?“

​Er versteht das einfach nicht. Das ist eine Frage der Ehre.

Ein brüchiger Waffenstillstand:
Ich habe mich jetzt mühsam um den Feind herumgerollt. Mein Schwanz liegt gefährlich nah an seinen Stacheln, aber ich weigere mich, mein Feld zu räumen. Das Licht ist hier einfach zu gut. Ich behalte ihn im Auge. Ein Auge schläft, das andere fixiert die grüne Bedrohung. Morgen werde ich eine neue Taktik ausprobieren. Vielleicht kann ich ihn mit einem gezielten Haarknäuel-Angriff außer Gefecht setzen. Bis dahin gilt: Wer pennt, verliert. Und ich penne jetzt. Direkt neben dem Feind. (Au, verdammt, jetzt hat er mich am Ohr erwischt...)

Auch eine Herrscherin hat es nicht leicht.