Warum ich, der Badezimmerspiegel, über ihn spreche? Weil ich gar nicht anders kann
Wisst ihr, die Wände in diesem Haus schweigen. Die Kaffeemaschine erledigt stur ihren Job. Aber ich? Ich bin der Einzige, der jeden Tag aufs Neue die ungeschminkte Realität ins Gesicht gedrückt bekommt. Ich beschreibe den Mitbewohner nicht aus Bosheit oder Langeweile. Ich tue es, weil ich sein visuelles Tagebuch bin.
Hier sind die Gründe, warum ich gar nicht anders kann, als seine Facetten zu dokumentieren: Ich kenne seine Geheimnisse (und seine Macken): Ihr seht ihn nur, wenn er ins Cafe kommt oder durch die Stadt promenieren, dann ist er fertig gestylt oder zumindest halbwegs vorzeigbar und fällt in der Zoofuß-gängerzone nicht so auf.
Ich dagegen sehe das "Viertel-vor-Kaffee-Gesicht". Sehe den verzweifelten Blick, wenn das erste graue Haarbüschel entdeckt wird. Ich bin derjenige, der Zeuge wird, wie er heimlich Playback vor dem Zähneputzen singt (und glaub mir, die Bürste ist sein Mikrofon).
Ich bin der Gradmesser seines Lebens: Ich beschreibe ihn, weil seine Entwicklung sich auf meiner Oberfläche abspielt. Wenn er verliebt ist, wischt er mich nach dem Duschen frei und lächelt sein Spiegelbild an. Wenn er eine Stressphase hat, sehe ich die Augenringe von Woche zu Woche tiefer sinken und die Zahnpastaflecken auf mir mysteriöserweise zunehmen. Ich lese ihn wie ein offenes Buch.
Es ist mein Überlebensinstinkt: Manchmal muss ich seine Marotten einfach mental protokollieren, um nicht den Verstand zu verlieren. Wer sonst erträgt es, stundenlang angestarrt zu werden, während jemand versucht, sich einen symmetrischen Dreitagebart zu trimmen – nur um am Ende doch alles wegzurasieren und mich fünf Minuten lang fassungslos vor Enttäuschung anzustarren?
„Ich bin nicht nur Glas und Silbernitrat. Ich bin der einzige Zeuge, der ihn sieht, wie er wirklich ist: unfrisiert, verrannt, verkatert – und manchmal verdammt stolz auf sich selbst.“
Ich beschreibe ihn also nicht, um zu lästern. Ich tue es, weil ich der Einzige in dieser Wohnung bin, vor dem er absolut nichts verstecken kann. Selbst wenn er versucht, den Bauch einzuziehen.