Kein PhotoShop - Mittwoch

Logbuch des Grauens – Mittwoch, 06:45 Uhr
Es ist Mittwoch. Das berüchtigte Bergfest, die Mitte der Woche. Die Woche ist halb geschafft, was man dem Gesicht des Bewohners leider nicht ansieht. Heute läuft alles im Autopiloten.
Das Wesen schlürft herein, drückt das Licht an und spuckt im Halbschlaf ins Waschbecken als hätte er einen Frosch im Rachen. Nach dem Spucken geht der Zombie wieder zurück und drückt den Schalter damit die Rollos hochfahren. Boah sieht der müde und geschafft aus, obwohl er aus den Schlafzimmer kommt. Er kommt mit dem Gesicht ganz nahe an meine Kristallspiegel Fläche und sucht scheinbar ein paar stellen im Gesicht oder am Kopf die ihm gefallen. Sein Gesichtsausdruck sagt mir deutlich, es sind keine da. Er greift zur Haarbürste und versucht die Frisur Marke Struwwelpeter mit heftigen Bürsten in Form zu bringen. Nun wird hastig nach der Zahnbürste gegriffen, die Pasta draufgeschmiert, unter dem Wasserhahn gehalten und dann heftig im Mund hin und her bewegt, wobei wieder Grimassen gemacht werden, die in eine Horrorshow gepasst hätten. Jetzt spukt der Zombie die Zahnpasta im hohen Bogen aus. Ein paar Spritzer landen dabei an meiner Scheibe (jetzt ist auch die rechte Ecke ruiniert). Nun wird sich hastig mit dem Elektrorasierer durch das Gesicht gefahren,  diesmal ohne sich an Hals und Wange zu fühlen. Nun fängt er an, sich vor mir zu waschen (was ich so alles ertragen muss). Er seift sich mit dem Waschlappen ein und hüpft dabei wie ein Känguru, als seine Körperteile unterhalb des Waschbeckens von ihm gereinigt werden. Alles wird abgespült, der Waschlappen ausgewrungen und nun habe ich auch noch Wasserspritzer auf meiner Scheibe. (Was ein rücksichtsloser Banause). Jetzt verreibt er noch ein wenig Wasser im Gesicht und schaut sich nochmal genau in meinem Kristallglas an. Jetzt der Deoroller, aber nur zack und fertig. Eilig verlässt er das Badezimmer um gleich nach ca. 2 Minuten angezogen wieder vor mir zu stehen. Ein Griff nach dem Rasierwasser, er tröpfelt jede Menge auf seine Hand (und ich frage mich, ob er sich damit ertrinken will) nein, aber sich wohl damit marinieren. 
Jetzt fängt er an, die  wenigen Sachen aufzuheben und den Boden frei zu machen, das sagt mir, heute kommt die Putzfrau. Fertig, ein tiefer Seufzer, Licht aus, Tür zu. Das Schlachtfeld ist bereitet. Ich bin übersät mit Wasserflecken, Zahnpasta Rand und einer Staubschicht, die eine eigene Postleitzahl verdient hätte.

Mittwoch, 08:00 Uhr Die Erlösung
Die Tür geht auf. Das grelle Deckenlicht geht an. Aber dieses Mal schleicht hier kein hässlicher müder Zombie herein. Nein, es ist SIE. Die Göttin des Haushalts. Die Meisterin des Microfasertuchs. Die Beherrscherin aller Putzmittel, die Frau, welche den Wischmopp schwingt wie Jeanne d´Arc das Schwert im französisch-englischen Krieg. Sie betritt mein Reich, wirft einen einzigen, laser scharfen Blick auf das Chaos und schüttelt mitleidig den Kopf. Ich kann ihr nonverbales Urteil genau lesen: „Wie kann ein einzelner Mensch in so kurzer Zeit so viel Dreck produzieren?“ Dann beginnt das heilige Ritual.

Mittwoch, 08:01 Uhr Die chemische Keule
Sie fackelt nicht lange. Ein gezielter Griff, und ich werde mit einem blauen, wunderbar duftenden Glasreiniger eingesprüht. Ahhh! Es prickelt auf meiner Oberfläche. Die vertrockneten Zahnpasta-Krusten von Montag bis Mittwoch weichen schreiend auf. Der Nebel des Grauens wird weggewischt.
Das Qi-Gong des Wischens. Während der Bewohner mich morgens nur mit einem schmutzigen Ärmel attackiert, arbeitet sie mit der Präzision einer Chirurgin. Kreisförmige Bewegungen. Perfekter Druck. Mit einem trockenen Poliertuch verpasst sie mir das Finish meines Lebens.
Ich kann wieder sehen! Ich bin so sauber, ich bin quasi unsichtbar. Wenn jetzt jemand unaufmerksam reingeschaut, läuft er direkt gegen mich.
Jetzt reinigt sie das Waschbecken. Die offene, verschmierte Zahnpastatube wird verschraubt und akkurat im 90-Grad-Winkel ins Regal gestellt. Das nasse Handtuch, das der Bewohner wie einen erschossenen Albatros über den Handtuchhalter geworfen hat, wunderschön zusammengelegt zu einem perfekten Kunstwerk, das jetzt dekorativ auf dem Handtuchhalter thront.
Sie sprüht noch einmal kurz „Frühlingsfrische“ in die Luft, wirft einen letzten, prüfenden Blick in mein makelloses Antlitz, nickt zufrieden und geht.

Mittwoch, 17:30 Uhr Das Erwachen
Die Tür geht wieder auf. Der Bewohner kommt herein. Er sieht abgekämpft und verschwitzt aus, hat noch den Fahrrad-Schutzhelm in der Hand. (Na wenigsten war er sportlich unterwegs) Er sieht mich. Er sieht sich in mir – scharf, in hoher Auflösung (High-Definition) und ohne Weichzeichner durch Staubschichten. Er sieht das perfekt gefaltete Handtuch. Ein schlechtes Gewissen blitzt in seinen Augen auf. Er traut sich kaum, die Seife anzufassen, aus Angst, dieses Kunstwerk von einem Badezimmer zu entweihen. Nun grummelt er etwas und verzieht sich. Eine Botschaft von mir an den Bewohner: Genieße es, solange es anhält. Morgen ist Donnerstag. Und ich weiß jetzt schon, dass du wieder wie ein Neandertaler mit der Zahnpasta und anderen rumspritzen wirst. Aber bis dahin... boah, glänze ich schön!