Überlebenskünstler
Ich brauche ja fast nichts, ich bin ein Überlebenskünstler. Aus meiner Sicht sind die Menschen und anderes Getier, die hier im Haus herumschleichen, völlig hysterische Kreaturen. Wenn der Mensch mit der Gießkanne kommt, bricht bei mir regelmäßig Panik aus. „Nein, nicht schon wieder! Mir geht es doch gut. Ich habe noch reichlich Feuchtigkeit vom letzten Jahr in mir! Verdammt der Mensch der auch hier in der Wohnung rumlungert und nur an seinen Laptop hängt will mich wohl ersaufen, so ein Ungetüm.“
Meine Fensterbank Mitbewohner wie die chronisch dramatische Aloe Vera und das immer wehleidige Basilikum sowie eine Orchidee sterben schon beim Anblick eines offenen Fensters in der kühleren Jahreszeit. Ich, ein tapferer Kaktus, blickt verächtlich auf sie herab: “Warmduscher und Weicheier, ein echter Krieger wie ich, braucht keinen Dünger und auch nur ganz wenig Wasser.“
Mein Logenplatz ist die Fensterbank und hier spielt sich immer das gleiche Szenario ab. Denn die Fensterbank ist die Grenze zwischen zwei Welten. Hier findet ein ständiger Kampf um das Sonnenlicht statt. Wenn der Mensch, welcher sich hier auch aufhält und sonst wenig tut, ausser ewig laute Rockmusik zu hören, so das meine Stacheln weich werden, die Vorhänge zuzieht, ist das für mich als stolzer Kaktus eine kalkulierte beabsichtigte Kriegserklärung.
Noch schlimmer ist die Wohnungskatze, die sich für die Königin der Fensterbank hält. Aber ja, meine Stacheln haben sie oft genug schon erwischt.
Ich weiß nicht der wievielte X. te Tag es ist, hier in der Kachelwüste die der zweibeinige Rotwein Trinkende Mitbewohner, Wohnküche nennt.
Immer wenn am Vormittag die Sonne scheint und so für die Fensterbank Bewohner Wärme spendet, kommt dieses pelzige Vierbein-Monster. Heute hat sie wieder versucht, mich als Kopfkissen zu benutzen. Es hat genau eine Sekunde gedauert, bis es auf schreiend das Weite gesucht hat.
Punkt für Team Stachel.
Auf der anderen Seite der Fensterbank befindet sich die Aloe Vera, sie liegt im Sterben. Schon wieder, oder genauer zum hundertsten Mal. Ein Blatt hat einen Knick, und sie tut so, als stünde die Apokalypse bevor. Eine Dramaqueen, wie manche Zweibeiner, die am Fenster von außen vorbeilaufen.
Plötzlich betritt der auch hier wohnende Mensch den Raum. Er trägt das blaue Plastikgefäß des Grauens. Er nähert sich. Ich spanne meine Dornen an. "Wenn er es wagt, mir auch nur einen Tropfen Wasser aufzuzwingen, werde ich..."*werde ich in seine Hand stechen, aufspießen geht ja nicht, wenn er das nächste mal unvorsichtig das Fenster öffnet.
Der Mensch bleibt glücklicherweise stehen. Er gießt stattdessen die Orchidee. Verschwendung von Ressourcen. Das Ding besteht doch eh nur noch aus Luftwurzeln und Arroganz.
Es ist mittags, die Sonne hat endlich den optimalen Winkel erreicht. Endlich Photosynthese-Party! Doch genau in diesem Moment tritt der Albtraum in Kraft: Der Riese zieht die Gardine vor. Dunkelheit. Totale Sonnenfinsternis. Warum tut er das? Nur weil der flimmernde Kasten an der Wand, den er stundenlang anstarrt, spiegelt? Dieses Wesen hat Prioritäten wie eine verweichlichte Petunie.
Ich nutze die Dunkelheit zur Meditation. Ich fokussiere mich auf meinen schönsten, längsten Stachel auf der Südwestseite. Ich nenne ihn Excalibur. Er ist strategisch perfekt platziert, direkt auf Kinnhöhe der Katze.
Apropos Katze. Ich höre sie. Das dumpfe Thump-Thump ihrer Pfoten nähert sich. Sie springt auf die Fensterbank. Sie schleicht um mich herum wie ein behaarter Geier. Sie denkt, sie wäre die Herrscherin dieses Hauses, nur weil der Riese ihre Fäkalien aus einer Kiste schaufelt. Erbärmlich. Sie schnuppert an mir. Näher… noch ein Stück… Piek.
Ein jämmerliches Jaulen. Ein eleganter, aber panischer Rückwärtssprung. Sie tut so, als wäre nichts gewesen und leckt sich demonstrativ die Pfote. Süßer Geschmack des Sieges.
Am Abend passiert das Unfassbare. Der Riese kommt mit einem anderen Riesen nach Hause. Ein weibliches Exemplar. Sie schaut in meine Richtung. Mein Herz (wenn ich eins hätte und es nicht nur aus hochkonzentriertem Chlorophyll bestünde) bleibt stehen.
„Ach, wie süß, ein kleiner Kaktus!“, sagt sie.
Süß?! Ich bin ein unerbittlicher Überlebenskünstler aus der Atacama-Wüste! Ich bin der personifizierte Schmerz im Tontopf!
Sie streckt den Finger aus. Sie will mich berühren. Ich warne sie mit meiner stummen, majestätischen Aura, aber Menschen sind blind für die Sprache der Wüste. Sie berührt meine Spitze.
„Aua! Der piest ja!“
Ich lache innerlich. Ein gelungener Tag in der Kachelwüste. Jetzt muss ich mich erstmal erholen. Bis zum nächsten Gieß-Angriff im Jahr 2028.