Kein PhotoShop - Donnerstag

Logbuch des Grauens – Donnerstag, 08:00 Uhr
Es ist Donnerstag. Eigentlich die Prime-Time für das morgendliche Drama. Ich habe mich innerlich schon auf den üblichen Staatsakt vorbereitet: Verfluchen des Weckers, hektisches Zähneputzen, verzweifelter Kampf mit der Haarbürste gegen die widerspenstige Haarpracht, Deoroller-Akrobatik und die rituelle Grimassen Rasur. Aber... nichts. Die Tür bleibt zu.
09:00 Uhr. Immer noch Totenstille. 
10:00 Uhr. Bis jetzt habe ich mich gelangweilt, aber langsam mache ich mir Sorgen, den Steinzeit Höhlenmenschen wird doch nichts passiert sein?
11:00 Uhr. Der Zombie regt sich immer noch nicht. Ist er ausgewandert, ohne das ich es bemerkt habe? Hat es sich beim Socken anziehen das Genick gebrochen? Ich reflektiere einfach nur die gähnende Leere des Raums und die perfekte Symmetrie des Handtuchs auf dem Halter.

Die Rückkehr des Faultiers 12:15 Uhr 
Endlich. Die Klinke bewegt sich. Die Tür schleift träge über den Boden. Herein geschlürft kommt kein gestresster Neandertaler , sondern eine menschliche Gestalt mit einer verschlafenen Wischmopp Frisur. Der Bewohner hat nur bis Donnerstagmittag geschlafen. Der Zombie sieht aus, als hätte er eine dreijährige Koma-Phase hinter sich. Die Augen sind nicht nur vom vielen Schlaf geschwollen, so dass sie praktisch wie zugewachsen aussehen. Die Haare der Wischmopp Frisur stehen in Winkeln von ihm ab, die die Gesetze der Physik komplett in Frage stellen. Ein leises, undefinierbares Brummen entweicht der Gestalt. Es klingt wie eine sterbende Kaffeemaschine.

Die Schändung des Meisterwerks 12:20 Uhr
Der Komaschläfer hat  das schlechte Gewissen vom Vorabend einfach komplett weggeschlafen. Mit einer fast schon majestätischen Ignoranz wird das kunstvoll gefaltete Handtuch der Putzfrau vom Halter gerissen, um sich damit einmal grob durch das Gesicht zu fahren. Die mühsam hergestellte Ordnung von gestern, innerhalb von 20 Sekunden pulverisiert, Kompliment. Und dann kommt der Moment, vor dem ich mich seit gestern gefürchtet habe. Das Wesen greift zur Zahnbürste. Es schaut mich an. Ich flehe es stumm an: „Bitte nicht. Ich bin noch so sauber. Ich glänze noch!“
Aber es hilft nichts, der Steinzeit Wilde trägt die Zahnpasta auf und fängt an sich die Zähne zu putzen. Erstaunlicherweise geht das heute ohne wilde Grimassen und Spritzerei. Fertig, es wird nicht mehr geputzt, jetzt wird gespült. Er nimmt einen  Schluck Mundspüler, ein wilder Mix aus Schaum und Minzgeschmack verlässt den Mundraum beim röchelnden Gurgeln. Plem. Da ist er. Der erste neue Fleck, genau auf Kinnhöhe. Meine unschuldige Reinheit ist offiziell Geschichte. Willkommen zurück in der Realität. Neandertaler sind eben unverbesserlich. Huch was ist das? Er schaut mich genau an, nimmt das Handtuch und fährt sich damit noch einmal über das Gesicht und Mund, dann putzt er damit die Wasserflecken auf meiner Kristallglas Fläche ab, er nickt zufrieden. Was ist passiert, der Zombie wird doch nicht etwa zivilisiert? Ich staune und ehrlich, ich bin plötzlich stolz auf ihn, dass hätte ich nie erwartet, ich glänze noch immer, das macht mich froh.

Das „Ich-bleibe-heute-so“-Ritual 12:30 Uhr
Heute gibt es kein Power-Lächeln. Keine Rasur. Kein Make-up. Kein gar nichts. Das Wesen inspiziert sich im Spiegel, kratzt sich ausgiebig am Bauch und beschließt sichtlich: Für die Couch reicht das.
Es wird nicht mal eine Bürste in die Hand genommen. Das Vogelnest auf dem Kopf wird mit zwei matten Handbewegungen ein bisschen platt gedrückt, bis es halbwegs symmetrisch zerzaust aussieht. Ein Spritzer Parfüm? Luxus. Ein frisches T-Shirt muss genügen.
Mein Urteil vom oberen Glasrand: Respekt für soviel Mut zur Hässlichkeit. Wenn dich heute der Postbote sieht, unterschreibt er das Paket lieber selbst und rennt um sein Leben.

Das Fazit
Das Licht bleibt heute gar nicht erst lang an. Das Wesen schlurft, die Jogginghose auf Halbmast, wieder von dannen, um sich wahrscheinlich direkt von der Matratze auf das Sofa zu verziehen. Ich bleibe zurück, betrachte meine Kristallfläche, kein neuer Zahnpasta oder ein anderer Fleck. 
Ich stelle fest: Der Donnerstag ist der faulste Tag der Woche. Aber hey, immerhin hat er mich nicht mit heißem Duschdampf blind gemacht. Im Gegenteil, er hat mich gereinigt. Man muss die kleinen Freuden und Siege feiern. Morgen ist Freitag – da wird bestimmt wieder eskaliert!