Kein PhotoShop - Freitag
Logbuch des Grauens – Freitag, 08:25 Uhr
Was ist passiert, Leute haltet euch fest, schmeißt Konfetti, zündet das Feuerwerk. Ich weiß nicht, was heute Nacht im Schlafzimmer passiert ist, aber das Zombie-Neandertaler-Wesen, das heute Morgen die Tür zart aufstößt, hat absolut nichts mit dem Häufchen Elend von Montag oder dem Faultier von gestern zu tun. Es ist Freitag. Der Tag der Tage. Und mein Bewohner hat heute offenbar die dicke Dosis Endorphine gefrühstückt und ist bereits in der Wochenendstimmung.
Der Musical-Auftritt 08:43 Uhr
Die Tür fliegt nicht auf nein – sie wird mit einem eleganten Hüftschwung aufgestupst. Das Licht geht an und die Rollos werden hochgefahren so dass helles Sonnenlicht das Badezimmer fluten kann, selbst ich merke das die Sonne strahlt. Statt des morgendlichen üblichen mürrischen Grabgesichts strahlt mir ein freundlich schauendes Gesicht mit einem blendenden Grinsen entgegen. Unglaublich, ich beginne daran zu zweifeln, ob das überhaupt der Bewohner ist. Nun kommt der übliche Griff zur Zahnbürste, er hat sie in der rechten Hand, jetzt noch der Griff zur Zahnpasta, aber nein, als wäre das nicht schon Schock genug für meine empfindliche Glasfläche, fängt das Wesen plötzlich an zu singen. Die Zahnbürste wird kurzerhand zum Mikrofon umfunktioniert. Ein schmetterndes, unfassbar grelles schiefes „I want to be free like a bird“ hallt durch das Badezimmer. Dabei schwingt er mit den Hüften und dreht sich plötzlich einmal um sich selbst, um kurz danach noch mal laut und schief „I can´t get no satisfaction“ in die Zahnbürste zu kreischen und zu schmettern.
Akustische Warnung: Ich habe zwar keine Ohren, aber meine Moleküle der Kristallglas Fläche vibrieren vor Schmerz. In Gedanken flehe ich diesen unzivilisierten Tarzan an, bitte, bleib bei deinem Leisten und geh nicht zu DSDS-
Das Heavy-Metal-Styling 09:12 Uhr
Unter der Dusche wird heute nicht gejammert oder zack, zack fertig, nein, heute wird performt. Ich höre, wie das Wesen da drin zum Takt der Musik auf die Wandfliesen trommelt und immer noch laut und falsch grölt „Wild thing you make my heart sing You make everything groovy, wild thing“ Als er aus der Dusche raus kommt, dampft er zwar wie immer, aber der Blindflug-Wisch meiner Oberfläche passiert heute mit Schwung und bester Laune. Das Guckloch ist frei und der Bewohner zwinkert mir zu.
Mir! Dem Spiegel! Seit vier Tagen beleidigst du mich mit deinen Blicken, und heute kriege ich ein Flirt-Zwinkern? Ich bin errötet (oder es ist der heiße Dampf, ich weiß es nicht).
Sogar das Zähneputzen ist heute überraschender Weise ein Event. Es wird im Rhythmus der Musik die aus dem Wohnzimmer bis zu mir ins Badezimmer hallt, geschrubbt, links, rechts, Breakdance-Schritt vor dem Waschbecken mit Hüftverrenkung und strahlenden Augen, die ich seit langen wieder mal weit geöffnet sehe. Das Wunder des Tages: Vor lauter guter Laune zielt das Wesen heute tatsächlich in das Waschbecken! Kein einziger neuer Fleck auf meiner Scheibe. Ich bin fassungslos. Ein Freitags Wunder, ich werde fleckenfrei und daher auch gut gelaunt ins Wochenende gehen.
Das Wochenend-Tuning 09:36 Uhr
Heute wird geklotzt, nicht gekleckert. Das Wochenend-Outfit wird vor mir akribisch inspiziert. Die Haare werden hüftschwingend geföhnt und mit einer Extraportion Haarspray und Gel wahrscheinlich für ewig in Form gebracht, als ginge es um ein Parship-Date mit dem Schicksal.
Jetzt noch die Rasur, ohjee er greift zum Rasierschaum und sprüht es sich auf die Hand, jetzt wird der Schaum im Gesicht verteilt und zur Klinge gegriffen. Ich bete dass alles gut geht, kein Blut auf meine immer noch saubere Spiegelfläche Spritzt, denn Erfahrungsgemäß rennt er dann fluchen ein Pflaster suchen. Obwohl er das Gesicht verzieht, Grimassen schneidet geht alles ohne Blutvergießen über die Bühne. Jetzt mit dem Handtuch noch einmal durchs Gesicht und nach der Körperlotion dann der Griff zum Deospray. Schnell noch eine Deodusche die Ballons füllen kann unter den Achselhöhlen, sowie 10 Sprüher mehr als sonst vom Eau De Toilette. Nun noch eine gewaltige Dusche Rasierwasser auf die Hand und dann im Gesicht verteilt. Ich bin mir sicher, dass die Nachbarn im Treppenhaus gleich in einer Duftwolke aus „Wild Adventure“ ohnmächtig werden. Das Gesicht? Kein Spachteln von Augenringen nötig – die pure Vorfreude auf das Wochenende hat die Falten einfach wegebügelt.
Zum Abschluss stellt sich das Wesen noch einmal ganz nah vor mich hin, checkt die Zähne auf Petersilienreste, rückt die Kleidung zurecht und verpasst sich selbst ein High-Five im Vorbeigehen.
Das Fazit
Mit einem beschwingten „Tschüss, Schöner!“ (ich bin mir fast sicher, er meinte mich) geht das Licht aus. Die Tür schnappt zu, und ich höre das Wesen in der Wohnung herum trampeln.
Mein Wochen Fazit: Wir haben es geschafft. Wir haben den Montag überlebt, den Dienstag ertragen, den Mittwoch überstanden und den Donnerstag verschlafen. Und heute? Heute hat der Freitag uns versöhnt. Ich bleibe zurück – sauber, duftend und mit einem leichten Klingeln im Ohr von den Gesangseinlagen. Schönes Wochenende, Mensch. Ruh dich aus oder feiere schön. Am Samstag sehen wir uns wieder... und ich weiß jetzt schon, du wirst furchtbar aussehen!