Phalaenopsis Elegancia

Darf ich mich vorstellen?
Phalaenopsis Elegancia – oder für das gemeine Fußvolk hier in der Küche und auf der Fensterbank. Die Schmetterlingsorchidee.

Es ist nicht leicht, das unangefochtene Meisterwerk der Evolution zu sein, aber einer muss den Job ja machen. Während die anderen hier bloß existieren, inszeniere ich mich. Täglich. Gerne zweireihig aufgeblüht, in einem atemberaubenden Magenta, das dem fahlen Sonnenlicht überhaupt erst einen Sinn gibt.
Hier ist ein kleiner Einblick in mein tägliches Drama auf der Fensterbank.
Meine Nachbarn.
Herr Stachelkopf:
Er steht direkt links von mir. Ein wüstes, unrasiertes Ding. Er behauptet immer, er sei „pflegeleicht“ und „resistent“. Ich nenne es einfach nur Mangel an Eleganz. Wenn er mich mal wieder zu dicht bedrängt, fächele ich ihm elegant mit einem meiner makellosen Blätter Luft zu – was ihn sichtlich irritiert. Er braucht nur einmal im Monat einen Tropfen Wasser. Banause. Ich hingegen erwarte mein wöchentliches Tauchbad in exakt temperiertem, kalkfreiem Wasser. Man hat schließlich Standards.
Die Aloe Vera:
Die Öko-Tante der WG. Ständig schleimt sie mit ihrem Gel herum und tut so, als könnte sie alle Wunden heilen. Letztens meinte sie, meine Luftwurzeln sähen aus wie „graue Tentakel“. Unverschämtheit! Das sind Antennen für kosmische Eleganz, du überdimensionierte Agave!
Das Basilikum:
Ein trauriges Wesen auf der Durchreise. Es bekommt ab und an von dem Mitbewohner die Blätter gerupft, die anderen Blätter lässt sie dann hängen, einfach keine Ausstrahlung, kein Durchhaltevermögen. Man sollte diese nach nichts aussehende Pflanze einfach entsorgen.
Das behaarte Monster:
Mehrmals am Tag erzittert mein Königreich. Dann taucht „Das Felltier“ auf. Ein flauschiger Zyklop mit einem völlig unangebrachten Ego. Sie denkt tatsächlich, sie sei das schönste Wesen in diesem Raum, nur weil sie schnurren kann. Dabei bin ich die Schönste hier!
Unsere Begegnungen sind ein psychologischer Krieg.
„Wage es ja nicht, an meinen Knospen zu schnuppern, du felliges Ungeheuer!“, telepathiere ich ihr jedes Mal entgegen. Letzte Woche hat sie versucht, sich hinter mir an einen Vogel heranzupirschen. Dabei hat ihr fetter Hintern meinen Übertopf touchiert! Ich geriet ins Schwanken. Der Kaktus hat schon schadenfroh die Stacheln gewiegt. Doch dank meiner perfekten Schwerpunktverlagerung (und der Tatsache, dass der Zweibeiner hysterisch mit den Armen fuchtelnd und rufend herbei stürzte, um mich zu retten) blieb die Katze sieglos. Ich verlor nicht ein einziges Blütenblatt. Die Katze wurde mit ihrem Kuschelkissen auf dem sie immer schnurrt und schläft von der Fensterbank genommen, quasi umgepflanzt. Ein Fest für meine Seele.
Die Audienz:
Wenn der Mensch den Raum betritt, ignoriert er die Aloe Vera und den staubigen Kaktus. Der Bewohner kommt direkt zu mir. Googelt meine Symptome, wenn ein Blatt mal eine Nuance heller wird. Ich glaube er bewundert mich. „Sieht schön aus, wie du wieder blühst!“ Murmelt der Mensch vor sich hin. "Ich weiß, Liebling. Ich weiß".
„Manchmal bin ich auch zickig“, aber nur weil ich nach dem Umtopfen mal für drei Monate die Arbeit verweigerte und wie ein Häufchen Elend ausgesehen habe. Das Zicken musste sein, es war wie ein künstlerischer Streik! Ein Genie und Schönheit, wie ich, lässt sich nun mal nicht einfach so in neue fremde Erde stecken, ohne ein Statement zu setzen.
Und jetzt entschuldigt mich bitte. Die Nachmittagssonne erreicht gerade meinen optimalen Einstrahlwinkel und ich muss mich im perfekten Licht präsentieren. So das mich jeder in der Wohnung oder auch von aussen bewundern kann. Der Kaktus wirft schon wieder so einen neidischen Schatten.

Hier ist mein Logbuch aus der ersten Reihe – vom Logenplatz auf der Fensterbank. 
04:30 Uhr:
Der Morgen beginnt meistens zu dieser Zeit. Das Licht geht an, der große Bewohner schlurft in die Küche. Seine Augen sind noch nicht mal halb offen, die Haare stehen in alle Richtungen – ehrlich gesagt eine Schönheit ist er nicht. Nimmt eine Dose aus dem Vorratsschrank, öffnet sie, wärend die Katze um ihn herum schleicht und sich an ihm reibt. Nun wird der Futternapf gereinigt und frisches Fresschen für das Fellknäuel eingefüllt. Der noch immer sehr müde Mensch stellt das Futter ab. Das fellige Ungetüm schnuppert kurz, miaut kläglich, scharrt mit ihren Pfoten über den Boden, hebt ihren Schwanz nach oben und verlässt die Küche. Der Mensch schüttelt den Kopf und geht auch.
06:30 Uhr:
Das flauschige Fellmonster schleicht leise heran und macht sich nun doch über den Fressnapf her.
07:30 Uhr:
Der Mensch kommt wieder, lässt die Rollos hoch und widmet sich der Kaffeemaschine. Das Zischen der Maschine ist mein absolutes Lieblingsgeräusch, denn der aufsteigende Wasserdampf ist wie ein Mini-Wellnessurlaub für meine Wurzeln und Blätter.
07:38 Uhr:
Der große Bewohner hat seinen Tisch gedeckt und wenn Er den Kaffee eingießt und gleichzeitig versucht, nicht über die Katze zu stolpern, halte ich instinktiv den Atem an. Ein unbedachter Ellbogen-Stoß und ich liege im Spülbecken. Bisher ist es immer gut gegangen. Nun wird gemütlich gefrühstückt, während das Radio laute Rockmusik von sich gibt, so dass meine Blüten zittern und abzufallen drohen. Aber das schönste ist, wenn die Musik so dröhnt, schleicht sich das pelzige Ungeheuer aus der Küche raus.
Endlich scheint die Sonne herein und spendet ein wenig Wärme, sofort lebe ich auf und zeige meine unendliche Schönheit. Ah, schaut mich nur an. Seht ihr diese makellosen, symmetrischen Blüten? Diese subtile Eleganz? Ich bin das unangefochtene Meisterwerk der Evolution, eine botanische Gottheit, die majestätisch in diesem lächerlichen Plastiktopf thront. Ich wurde geschaffen, um bewundert zu werden.
Wenn die Sonne im perfekten Winkel durch das Glas scheint, wird die Fensterbank zum heiß begehrten Platz. Die Katze hat beschlossen, dass meine Luftwurzeln hervorragende Kopfkissen abgeben. Sie springt hoch, schaut mich mit diesem „Ich könnte dich fressen, wenn ich wollte, aber ich bin zu faul“-Blick an und quetscht ihren flauschigen Hintern direkt neben meinen Übertopf.
Manchmal knabbert sie testweise an einem meiner Blätter. Hallo?! Ich bin kein Katzengras! Zum Glück merkt sie schnell, dass ich zäh und geschmacklos bin, und pennt stattdessen ein. Ich muss zugeben: Ihre Schnurr-Vibrationen sind eigentlich ganz gut für die Durchblutung meiner Stängel.

Ihr Menschen nennt die Fensterbank „ein schönes Plätzchen“. Ich nenne es auch
schon mal die Hölle wenn die Sonne zu heiß brennt. Vergißt der Bewohner den Sonnenschutz einzustellen, brät die Mittagssonne meine sensiblen Blätter, ich fühle mich dann so, als stünde ich auf dem Grill eines Fast-Food-Restaurants. Und oft stehe ich im Winter in der im eiskalten Zugwind, weil mal wieder „gelüftet“ werden musste. "Hallo! Ich bin eine tropische Königin, kein norddeutscher Deichschaf-Ersatz!" 

Ja, ich blühe monatelang. Ich ziehe eine Show ab, die euch den Atem raubt. Aber wehe, ich beschließe, mir eine wohlverdiente Pause zu gönnen. Kaum verliere ich meine Blüten, werde ich behandelt wie ein lebloser Stock. Ich sehe seine Blicke, wie er mich anschaut. Ich rieche die Angst – und die Nähe des Biomülls. „Ob ich sie wegschmeißen sollte?“ Höre ich den Riesen jammern,
Du! Ich vergesse nichts.
Trotz aller unermüdlichen Versuche des Bewohners und des Fellungetüms, mich durch pure Inkompetenz umzubringen, stehe ich hier. Wenn ich dann nach zwei Jahren des Schweigens – rein aus Trotz – eine einzige, perfekte Knospe hervorbringe, fallt ihr auf die Knie, als hätte ich das Rad neu erfunden.
Mein Erfolgsgeheimnis:
​Aber das Leben an der Spitze ist oft auch einsam – vor allem, wenn man von Amateuren umgeben ist. Ich bin nicht kompliziert. Ich erziehe nur. Ein bisschen dezentes Ignorieren, bloß keine plötzlichen Bewegungen und ein wöchentliches Tauchbad in leicht warmen Luxus-Wasser – mehr verlangt eure göttliche Schönheit doch gar nicht. ​Ich bin nicht nur wunderschön, ich bin unbezahlbar und ja, ich werde wahrscheinlich wieder meine Blüten verlieren. Aber bis dahin: Kniet nieder und bewundert mich.

Gegen 18:00 Uhr abends wird es richtig wild. Der Bewohner versucht sich an etwas, das er „Kochen“ nennt. Für mich ist es eher ein chemisches Experiment mit hoher Luftfeuchtigkeit.
Durch das gekippte Fenster flog eine dicke Fliege herein. Ein fataler Fehler. Der Felltiger mutierte sofort vom Faultier zum Spitzenprädator. Das Vieh ist quer über die Arbeitsplatte geschossen, am Toaster abgeprallt und hat beim Sprung fast meine schönste Blüte abrasiert. Der Bewohner hat nur gerufen: „Mitzi, lass das! "Du wirfst  die Orchidee um!“ Schön zu wissen, dass man geschätzt wird.
Endlich Nacht:
Jetzt ist es dunkel. Die Küche ist sauber (na ja), das Summen des Kühlschranks ist das einzige Geräusch. Der Bewohner schläft.
Die Katze schleicht manchmal noch für einen Mitternachtssnack vorbei, wirft mir einen kurzen Blick zu und verschwindet wieder. Ich strecke meine Blüten aus, genieße die kühle Nachtluft und bereite mich seelisch auf das Kaffeedrama morgen früh vor.


alles friedlich