Kein PhotoShop - Dienstag
Logbuch des Grauens – Dienstag, 08:48 Uhr
Guten Morgen! Da bin ich wieder. Der gestresste Kristallspiegel aus dem Badezimmer. Die gute Nachricht ist, der Zahnpastafleck von gestern ist getrocknet und hat jetzt die Konsistenz von Beton. Meine Sorge ist, ob der jemals wieder abgeht. Die schlechte Nachricht, mein Lieblings-Zombie ist wieder da. Schauen wir nun mal wie sich das am Dienstag Morgen im Badezimmer entwickelt.
Die Phase der bitteren Akzeptanz 08:49 Uhr
Am Montag gab es noch diese paranoide Schockstarre nach dem Motto: „Oh Gott, warum ich, warum heute?“
Nun, am Dienstag herrscht hier stumpfe Resignation. Das Wesen schlurft herein, die Augen sind immerhin schon zu ca.30 % geöffnet. Der Schalter für das Licht wird gedrückt und die Rollläden werden hochgefahren. Ich kann ihn jetzt deutlich sehen. Er starrt mich an. Kein Erschrecken mehr, nur noch ein stummes, gegenseitiges Nicken. „Ja, ich bin es wieder.“ – Meine Kristalloberfläche signalisiert „Ich weiß, ich sehe dich.“ Er sieht auch nicht besser aus als am Montag.
Nur die Frisur hat heute nicht die Form „Vogelnest“ sondern erinnert eher daran, als wäre Ihm ein Sofa Federkissen auf dem Kopf explodiert. Aber hey, wir verurteilen hier niemanden.
Die Illusion von Routine 08:53 Uhr
Heute wird nicht ganz so heiß geduscht. Warum? Weil er etwas spät aus den Federn gekommen ist. Scheinbar hat er heute keine Zeit für Wellness, muss wach werden und seinen Hunger befriedigen. Der Dampf hält sich in Grenzen, ich beschlage nur halb. Das bedeutet: Ich kann alles sehen. Alles, wenn auch etwas verschwommen. Ich sehe den verzweifelten Versuch, die dunklen Augenringe mit der Präzision eines Maurers weg zu spachteln. Ich sehe den prüfenden Blick auf das Kinn – „Ist das da ein neuer Pickel?” Bitte nicht, sagen seine Augen. Doch, ist es. Ich zeige es dir in Full-HD, mein Freund.
Das Kaffeebohnen-Aroma-Deo 09:11 Uhr
Die Zahnpasta-Aktion läuft heute koordinierter ab. Nur ein kleiner Spritzer landet auf meinem linken Rand. Welch ein Fortschritt! Zum Glück benutzt er auch heute den Elektrorasierer, die Rasur dauert etwas länger, weil er immer wieder mit einer Hand durch das Gesicht fühlt, als wollte er sich selbst streicheln.
Dafür schnuppert das Wesen heute intensiv an sich selbst. Die sensorische Schnüffelprüfung ergibt: Die Dusche hat scheinbar nicht alle Geister der Nacht vertrieben. Also wird jetzt tief in die Trickkiste gegriffen. Heute kommt kein Deo Roller zum Einsatz, sondern eine Spraydose, Deo der Marke „Cool Fresh.“
Das Deo wird im Großraum-Modus versprüht, als wolle er eine Halle füllen. Die chemische Wolke aus „Cool Fresh“ mischt sich mit dem Kaffeeduft, der aus der Küche ins Badezimmer herein weht. Jetzt wird noch reichlich Rasierwasser durch das Gesicht verteilt und er kommt mit seiner Visage ganz nah an meine Kristallspiegel Fläche heran. Er fühlt sich hier mal am Ohr und an der Nase, scheinbar ist er mit dem Ergebnis zufrieden.
Der Motivations-Check 09:32 Uhr
Zum Abschluss kommt das Highlight des Dienstags, das Vortäuschen von Energie. Der Zombie, der jetzt ein wenig menschlich ausschaut, stellt sich breitbeinig vor mich hin, strafft die Schultern und versucht sich an einem so genannten „Power-Lächeln“ für den anstehenden Dienstag. Aber das Lächeln sieht eher aus wie eine Schimpansen Grimasse, die gleich zubeißen wird.
Ein gut gemeinter Rat von deiner Kristallglas Fläche: Lass das, bleib authentisch mürrisch, das kauft dir jeder eher ab.
Ein letzter Kontrollblick, das Licht klackt aus. Die Tür fällt ins Schloss.
Der Dienstag ist wie der hässliche kleine Bruder vom Montag. Jetzt bin ich wieder allein und der Schockfaktor ist vorbei. Nur die Zahnpastaflecke sind noch da. Aber Kopf hoch, Morgen ist Bergfest! Ich fange schon mal an, den Spiegelreiniger herbei zu sehnen.